Musik – grenzenlos, kostenlos, schutzlos?

Tagungsrückblick zur Revision des Urheberrechtes URG

(SMN) Auf Einladung des Schweizer Musikrates SMR und des Studienzentrums Kulturmanagement der Universität Basel versammelten sich im Kultur- und Kongresshaus Aarau Im Oktober 2006 Vertreter der Schweizer Musikszene zu einer Tagung unter dem Titel „Musik – grenzenlos, kostenlos, schutzlos?“ - Dies alles vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Revision des Schweizer Urheberrechtsgesetzes URG.

Hier der Rückblick der Veranstalter:

«Als Referenten ergriffen Wissenschaftler und Vertreter der Internetbranche das Wort, im Publikum wurden neben einzelnen Künstlern auch Exponenten der Verwertungsgesellschaften sowie der Industrie gesichtet. Ein Musik-Futurist und die bekannten Schweizer Musiker Urs Frauchiger und Andreas Vollenweider sorgten dafür, dass vor lauter Zahlen und (neu-)englischen Ausdrücken auch Philosophisches nicht ganz unterging. Einzig die Parlamentarier, die schlussendlich über die Revision des Urheberrechtes zu befinden haben, waren nicht vertreten. Schade eigentlich, denn sie hätten Interessantes und Erhellendes zur brisanten Thematik vernehmen können.

Das erste Referat kam von universitärer Seite: Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun, Medienwissenschafter und Soziologe an der Uni Basel, sprach über „Music to go – populäre Musik und kulturindustrielle Distributionspolitiken“. Wir erleben heute,  25 Jahre nach der Gründung von MTV, die totale Mobilisierung der Musik. Doch die totale Verfügbarkeit hat ihre Folgen – auch für den Inhalt. Musik wird beispielsweise fragmentiert bis zur Unkenntlichkeit, man denke nur an die ganze Handy-Klingelton-Problematik. Die Identifikation des Konsumenten mit „seiner“ Musik ist flüchtiger und distanzierter geworden. Und vor allem: der (junge) Konsument soll alles bekommen – sei es Ton, Bild oder Text. Überall und jederzeit.

Was dies in der Praxis zu bedeuten hat, führte Dr. Ing. Jürgen Nützel, CEO der Internetfirma „4FriendsOnly.com“ aus. In der Tat seien Handys heute ernstzunehmende Abspielgeräte, auf die beliebig Musik heruntergeladen und weiterverbreitet werden kann. Das von seiner Firma entwickelte „PotatoSystem“ macht es möglich, dass der Käufer Musik weiterverteilen kann, nachdem er sich eine Lizenz beschafft hat. Dieses so genannte „Transaction Tracking“ funktioniert viermal: Beim ersten Weiterleiten erhält der Weiterverkäufer 20% des Umsatzes, bei jeder weiteren Verkaufs-Generation sinkt die Beteiligung um 5%. Ein einleuchtendes Modell, das sich jedoch in der Praxis noch beweisen muss.

Um Kontrolle ging es im Referat „Big Brother is watching you! Überwachungsstaat Internet.“ Richard M. Schneider und Leszek Oginski von der Firma Logistep führten aus, was ihre speziell zur Anti-Piraterie entwickelte Software zu leisten imstande ist. Raubkopierer können über längere Zeit observiert werden, auch wenn sie zwischenzeitlich ihren Namen, Domain oder Server wechseln. Dermassen aufgespürte „Sünder“ werden dem Staatsanwalt gemeldet, die Strafe ist verhältnismässig bescheiden: Busse von 350 Euro, Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung sowie Löschen der Daten auf dem PC. In Deutschland ist es auf diese Weise bereits zu über 100'000 Anzeigen gekommen, in der Schweiz stehen der Umsetzung vorderhand noch juristische Hindernisse entgegen.

Nach diesen teilweise beängstigenden Ausführungen ging es im anschliessenden Panelgespräch wohltuend philosophisch weiter. Andreas Vollenweider beklagte die Beliebigkeit der heutigen Musikproduktionen und stellte die ganze Problematik in einen gesellschaftskritischen Rahmen. Sein pessimistisches Fazit zur Zukunft des Urheberrechtes: „Es wird über kurz oder lang so oder so kollabieren.“ Urs Frauchiger tat sich als Warner vor zu viel Technikgläubigkeit hervor: „Verschlüsselungssysteme werden immer geknackt und sind deshalb bald einmal wirkungslos. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einen gigantischen Überbau und eine riesige Bürokratie produzieren, welche die Kreativität ersticken.“ Peter Frei, ehemaliger CEO der Plattenfirma Phonag, war es vorbehalten, die Rolle der Industrie zu relativieren: Dass Musik zur Massenware degradiert werde, sei nicht nur Schuld der Major-Plattenfirmen. (Zu) viele Musiker, Gruppen usw. drängten heute auf den Markt, oft zur Unzeit mit unreifen Produkten.

Unsanft sprang in der Folge der Musik-Futurist und Buchautor Gerd Leonhard mit der Industrie im Allgemeinen und mit DRM im Besonderen um: „Die Frage ist nicht, wie wir die Verbreitung von Musik verhindern, sondern wie wir sie nutzbar machen wollen. DRM erstickt den Musikmarkt und führt erst recht zu illegalem Verhalten“. Musik sei nicht als Luxusgut, sondern als Grundbedürfnis anzusehen: „Alle nutzen sie – und zahlen dafür, jedoch nicht auf Grund von Überwachungssystemen, sondern mit Pauschalen, die zum Beispiel in Abspielgeräten enthalten sind.“

Nach diesem visionären Ausblick kam so etwas wie Betroffenheit auf, als Tagungs-Organisator Patrick Linder, Geschäftsführer des Schweizer Musikrates SMR erklärte, weshalb der vorgesehene Programmpunkt „Erlebnisse eines Internetpiraten“ gestrichen werden müsse. Wohl habe sich ein jugendlicher „Straftäter“ finden lassen, doch nach anfänglicher Zusage habe dieser sich wieder zurückgezogen. Zu sehr klängen bei ihm die Nachwirkungen der  strafrechtlichen Verfolgung (inkl. Hausdurchsuchung) noch nach.

Nach der emotionalen Achterbahnfahrt sorgte Dr. Emanuel Meyer vom Amt für Geistiges Eigentum IGE für einen nüchternen Abschluss der Referate. Über den aktuellen Stand der Revision in den politischen Gremien durfte er zwar keine Auskunft geben. Er nutzte jedoch die Gelegenheit, nochmals eindringlich vor einer Überladung des Urheberrechtes zu warnen.

Im  zweiten Panelgespräch mit Thomas Meier von der Stiftung für Konsumentenschutz, Dr. Peter Mosimann, Vizepräsident Pro Helvetia und Präsident des DUN, Andreas Ryser, Musiker und DJ, Ivo M. Sacchi, Director  Universal Music und Präsident IFPI Schweiz sowie Poto Wegener, Leiter Urheberabteilung SUISA, war die Rolle der Industrie einmal mehr das beherrschende Thema. Ivo M. Sacchi machte auf die Tatsache aufmerksam, dass der Umsatz der Musikindustrie seit 2001 um 40% oder 120 Millionen Franken zurückgegangen sei. Mit enormen Folgen nicht zuletzt auch auf dem Arbeitsmarkt: Der Personalbestand der Schweizer Musikindustrie musste in diesem Zeitraum halbiert werden.

Das letzte Wort hatte Daniel Fueter, Präsident von Suisseculture. Er wies darauf hin, dass die Demokratisierung der Musikkultur auch negative Resultate hervorgebracht habe: Hektik, Banalisierung, Beliebigkeit und Vermassung. Gleichzeitig fühle sich das Individuum von der Entwicklung bestätig nach dem Motto: „Ich bin mein eigenes Endgerät“. Ein letztes Mal forderte er ein starkes, griffiges URG und postulierte den Vorrang der Kreativität vor der Verwertung. Doch auch die Kulturschaffenden müssten ihren Teil beitragen, sich auf den Disput einlassen und ihre berechtigten Anliegen vertreten.» (www.musikrat.ch)

 

 
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