Der ehemalige Sänger der
Zürcher Band Crank begibt sich mit seinem Solodebüt «La Poeta» auf
eine musikalischen Reise nach Innen.
Swiss Music News: Was gab den Ausschlag, ein Soloalbum zu
veröffentlichen? Etwa die Erlebnisse in Amerika (Adrian war acht Monate
in San Jose) und deine Trennung von deiner Freundin?
Adrian
Weyermann: Ausschlaggebend ist selten etwas von aussen. Es sind
immer Dinge, die in mir passieren. Ich wollte auch endlich mal wissen,
wie es klingt, wenn ich bloss Musik für mich mache. Ich wusste, dass es
von dem Rockband-Format abweichen würde. Es sollte anders klingen. Ich
wollte kompromisslos daran gehen können. Ich wollte eine neue Situation
für mich erschaffen. Das war schlussendlich ausschlaggebend. Diese
Herangehensweise war unglaublich inspirierend für mich. Ich hatte für
das Album 50 Songs geschrieben.
Swiss Music News: Hast du einzelne der Songs zusammengefügt? Auf
«La Poeta» sind ja nur dreizehn Tracks.
Adrian Weyermann: Nein. In dieser Hinsicht habe ich einen sehr
eigenen Ansatz. Ich bin nicht sehr gut darin, clevere Sachen zu machen.
Es ist mir auf diesem Album nur einmal passiert, dass ich verschiedene
Zeilen zusammen setzen konnte. Ich habe den Anspruch, dass meine Songs
von einem Ursprung kommen müssen. Ich muss von etwas berührt sein,
dann entstehen die Songs meistens in einem Guss.
Swiss Music News: Viele der Songs sind am Piano entstanden. Hast
du diesen Weg gewählt, weil «La poeta» ein eher nachdenkliches Album
werden sollte?
Adrian Weyermann: Ich bin - blöde gesagt - etwas gelangweilt von
der Gitarre. Bei Crank entstanden die meisten Songs auf der Gitarre,
obwohl mir das Piano immer sehr nahe war. Auch bei Crank habe ich
vereinzelt Songs auf dem Klavier geschrieben. Ich kann beim Klavier mehr
aus dem Vollen schöpfen und lasse mich dort nicht von Akkorden
behindern. Das «La Poeta» eine solche Stimmung bekommen hat, konnte
ich nicht verhindern. Das hat sich nach und nach so entwickelt. «La
Poeta» ist eine Momentaufnahme meiner Gefühle, ohne jegliche Distanz.
In dieser Hinsicht lasse ich mich gerne kritisieren. Das gibt mir bei
anderen Künstler immer mehr, wenn ich merke, dass jemand nicht über
der Sache steht.
Swiss Music News: Der textlichen Tiefe stehen manchmal etwas
seichte Beats gegenüber. Beispielsweise in den Songs «Heaven» und «The
only one». Das lässt die Songs etwas oberflächlich erscheinen.
Adrian Weyermann: Die Stücke haben sich aus der Zusammenarbeit
mit Gert Stäuble (Produzent) ergeben. Das ist aber eine gute Frage.
Denn sie zielt auf die einzige Überlegung, die einen Einfluss hatte.
Ich wünsche mir immer das Szenario der Hausfrau, die sagt: «Ach, das
ist ein nettes Lied - das gefällt mir.» Die sich wegen Songs wie «Heaven»
oder «The only one» meine CD kauft, dann aber bei einem Lied wie «Truth
lies» stutzt und sich fragt, über was der hier eigentlich singt. Sie
stellt plötzlich fest, dass hier in der Tiefe sehr viel abläuft.
Swiss Music News: Nur stellt sich die Frage, ob das eine Hausfrau
macht?
Adrian Weyermann: Das kann schon sein, ich mag die Idee aber
trotzdem. Die neue Robbie Williams Single «Feel» ist ein gutes
Beispiel dafür. Robbie singt: «I don’t wanna die but I am not keen
on living either.» Solche Sachen gefallen mir.
Swiss Music News: Robbie hat natürlich eine gewisse
Narrenfreiheit. Niemand anders hätte einfach so ein Swing-Revival
auslösen können.
Adrian Weyermann: Ja, das stimmt.
Swiss Music News: Hatte das Schreiben der Songs für «La Poeta»
eine reinigende Wirkung auf dich?
Adrian Weyermann: Jetzt definitive Ja, auch inhaltlich. Vorher
war das immer mehr musikalischer Art. Die einzelnen CDs waren wie der
Abschluss eines Kapitels für mich. Jetzt ist es eher eine Art von
Exorzismus. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich durch «La poeta»
alles verarbeitet habe. Ich habe einfach meine Erlebnisse kanalisiert.
Mir gefällt aber, wenn meine Songs die Leute berühren. Das gibt mir
die Gewissheit, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Swiss Music News: «Love can wait» ist von der Stimmung der
traurigste Songs. Wie ist der entstanden und um was geht es?
Adrian Weyermann: «Love can wait» ist ein Lied, das weiter
zurückgeht als die anderen. Es ist schon fast zwei Jahre alt. Ich habe
es geschrieben als ich noch bei Crank war. Damals ist mir etwas
ähnliches passiert wie mit meiner Freundin in Amerika, die mich dort
verlassen hat. «Love can wait» ist auf der einen Seite der traurigste
Song, aber trotzdem war mir wichtig, dass er etwas Versöhnliches
ausstrahlt. Die Aussage des Songs stimmt. Ich war mir lange sehr
unsicher, ob man auf jemanden warten kann, oder auf die Liebe im
allgemeinen. Ich hatte eine grossartige Kindheit. Wenn ich etwas wollte,
brauchte ich nur mit dem Finger zu schnippen. Auch in Sachen Beziehung
lief immer etwas. Jetzt ist seit einiger Zeit Ruhe. Irgendwie gibt es
mir ein gutes Gefühl, dass ich sagen, dass die Liebe jetzt warten kann.
Swiss Music News: Du hast acht Monate in Amerika gelebt. Wolltest
du dort musikalisch Fuss fassen?
Adrian Weyermann: Das war sicher ein Szenario. Ich hatte aber
auch sonst gewisse Vorstellungen, die dann aber von der Realität
überrascht wurden. Ich war mit einer Partnerin unterwegs, mit der ich
an einen Punkt kam, an dem ich merkte, dass Liebe und Leben nicht
miteinander übereinstimmen. Wir haben uns getrennt. Gegenüber Amerika
habe ich jetzt ein gutes Gefühl, weil ich sagen kann, dass ich es
gesehen habe. Ich konnte dort leben und mir hat es gefallen.
Swiss Music News: Hast du dort in irgendwelchen Bands gespielt?
Adrian Weyermann: Nein, ich war bloss der Wanderklampfe-Junge. Es
war aber leicht in Kontakt mit den Leuten zu kommen. Ich musste zuerst
aber einen Weg finden, mich selber zu interessieren, bevor ich rausgehen
konnte, um mich zu präsentieren.
Amerika war für mich mehr eine innere Reise als eine Gelegenheit,
die Möglichkeiten dort auszutesten. Ich verbrachte viel Zeit Zuhause
und arbeitete an meinen Songs.
Swiss Music News: Drückst du in deinen Texten deine Gefühle
klar aus oder verwendest du einen Filter, um nicht alles preiszugeben?
Adrian Weyermann: Nein, es gibt keinen Filter. Das hat einen
speziellen Grund, der ein Vorteil und Nachteil sein kann. In der Schweiz
englisch zu singen, ist schon ein Filter. Das reicht! Zu «La Poeta»
gibt es ein limitiertes deutsches Textbüchlein. Auf Deutsch klingen die
Texte nüchterner und gnadenloser. Ich mache keine Selbstzensur mehr.
Ich würde eigentlich gerne noch weiter gehen, um meine dunklen und
beschissen Seiten noch mehr zu zeigen (lacht). Dazu kenne ich mich aber
noch zu wenig.
Swiss Music News: Du bist ein gefragter Sessionmusiker. Neben
anderen hast du für Gianna Nannini, Vivian und Trummer. Wie bist du
dazu gekommen?
Adrian Weyermann: Da bin ich rein zufällig reingerutscht. Ich
finde es aber schwierig für andere zu spielen und hoffe, dass es nicht
Überhand nimmt. Ich bin kein Virtuose, ich habe viel gute Ideen.
Vielleicht ist es das, was interessiert? Ich übe auch nicht jeden Tag
zehn Stunden Gitarre. Die Gitarre fasse ich momentan am wenigsten an.
Die Jobs, die ich bis jetzt hatte, waren aber schon interessant.
Swiss Music News: Sind Crank endgültig Geschichte?
Adrian Weyermann: Ja und Nein. Als Band sind sie vorbei., als
Menschen nicht. Mein Bruder spielt dort Schlagzeug. Er ist mein Idol
seit ich auf der Welt bin. Die anderen zwei sind meine ältesten
Freunde. Das schliesst nicht aus, dass sich unsere Wege wieder einmal
kreuzen. Es ist aber wichtig, dass ich jetzt mein eigenes Ding
durchziehen kann.
Swiss Music News: Wieso habt ihr euch eigentlich aufgelöst?
Adrian Weyermann: Weil ich den Aufbruch gemacht habe. Die anderen
machen aber als Trio weiter.
Interview Robert Pally
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