Bligg alias Marco Bliggensdorfer stürmt momentan mit
seinem Song «Alles scho mal ghört» die CH- Hitparade. Im Interview
redet er über Text-Zitate, überhebliches Gehabe, sein bestes Stück
und das, was für ihn normal ist.
Swiss Music News: Wie fühlt man sich als neuer
Shootingstar der Schweizer Hip-Hop-Szene?
Bligg: (Lacht und überlegt) Wie soll ich sagen,
mein Album hat qualitativ einen hohen Standard. Ich sehe mich selber
aber nicht als Shootingstar, das sage ich auch klar in meinen Texten.
Alles rundherum wird halt von den Medien aufgebauscht. Für die
Hip-Hop-Szene ist mein Erfolg sicherlich wichtig, weil es schon seit
Jahren viele gute Bands gibt. Ich selbst habe ja schon früher zusammen
mit Lexx ein Album unter dem Namen Bligg’n’Lexx veröffentlicht. Das
geschah aber alles im kleinen Rahmen. Es ist langsam Zeit, dass die
Leute merken, dass in dieser Szene viel läuft, dass es viele kreative
Band gibt.
SMN: Gleis 2 sind eine andere gute Hip-Hop-Band,
die aber leider nicht das Glück haben, wie du auf einem grossen Label
(Universal) zu sein.
B: Gut, ob das schlussendlich eine Frage des
Labels ist, ob man seine Musik an die Leute bringt oder nicht, sei
dahingestellt. Im Endeffekt ist das, was man macht massgebend: nämlich
die Musik.
SMN: Das sicher auch. Aber ein grosses Label kann
dir viel mehr Promotion geben.
B: Das ist klar. In dieser Hinsicht befinde ich
mich auch in einer glücklichen Lage. Ich habe aber dafür gearbeitet.
In meiner Zeit mit Bligg’n’Lexx haben wir viel selber gemacht.
Flyers aufgelegt und Plakate aufgehängt. Neben zu hatten wir noch einen
100%-Job. Wenn du dich voll auf die Musik konzentrieren willst, ist es
halt besser, wenn jemand die Promo-Arbeit für dich macht. Universal ist
mit mir aber nicht blind in etwas reingelaufen. Sie kannten meine
Vergangenheit.
SMN: Die Single «Alles scho mal ghört» hat
einiges zu deinem Erfolg beigetragen. Sie vermittelt aber einen falschen
Eindruck von deiner CD. Ist der Song gleichzeitig mit dem Album
entstanden, oder vorher?
B: Die Single ist gleichzeitig mit dem Grossteil
des Albums entstanden. Ich hatte sechs oder sieben Demo-Tracks zusammen,
die mich auch dazu brachten, ein Soloalbum zu machen. Einer davon war
«Alles scho mal ghört». Die Beats hatte ich Zuhause produziert. Ich
fand dann, dass es cool wäre, etwas mit einer Frau zu machen. Einmal
etwas über die Grenzen des Hip-Hop hinauszugehen, in Richtung R’n’B
und Ragga. Ich habe den Track anschliessend an Emel geschickt, die
gerade in L.A. war. Sie fand es eine gute Idee, wollte aber zuerst den
Beat hören.
Es ist aber schon wahr, dass man einen falschen
Eindruck von meinem Album bekommt, wenn man nur «Alles scho mal
ghört» kennt. Dahinter gab es aber keine Strategie. Der Song ist
einfach so entstanden. Und ich habe mir Emel auch nicht geholt, weil man
sie in der Schweiz schon kennt.
SMN: Hast du dich für die Single von
der deutschen R’n’B-Szene beeinflussen lassen?
B: Nein, eigentlich nicht. Der Song ist mehr vom
US R’n’B beeinflusst. Von der deutschen R’n’B-Szene gefallen mir
nur wenige Sachen. Xavier Naidoo, beispielsweise, finde ich cool, obwohl
der mehr in Richtung Soul geht. Neben Rap höre ich aber auch andere
Musik wie Pop oder Rock bis hin zu House, aber auch Funk oder Soul.
Solche Elemente wollte ich auch auf mein Album nehmen. In «Alles scho
mal ghört» sind es halt R’n’B-Einflüsse, die zum Tragen kommen.
SMN: Wenn wir schon über Einflüsse
reden: Du zitierst gerne Textzeilen aus anderen Songs. In «Alles scho
mal ghört» ist es Züri West, in «Dä schäbig Typ» ist es Beck und
in «Du weisch wie’s lauft» hast du dir Grandmaster Flash ausgesucht.
Gibt es noch mehr Zitate, die ich übersehen habe?
B: Nein, ich würde sagen, dass du dir das Album
sehr genau angehört hast. Das ist halt im Rap so, dass man irgendwelche
Metaphern oder Vergleiche schafft. Das hörst du auch auf anderen
Rap-Alben, seien das welche aus Deutschland oder Amerika. Nur ist es
dort vielleicht nicht so offensichtlich, wie in «Alles scho mal
ghört», in dem ich eine Zeile aus «I schänk dr mis Herz» zitiere.
Das kennt halt jeder. Diese Zitate sollen aber nicht als geklaut gelten,
sondern ein Tribut an die einzelnen Künstler sein. Als jung war, lief
«I schänk dr mis Herz» viel am Radio.
SMN: So alt bist du mit deinen 24
Jahren aber auch nicht!
B: Gut, als ich noch jünger war. Bands wie Züri
West haben uns mit ihrem Mundart-Rock Mut gegeben, auf Schweizerdeutsch
zu rappen.
SMN: Der Mundart-Rap ist ein Ausdruck
der heutigen Jugend, genau wie es der Mundart-Rock in den Siebziger- und
Achtziger-Jahren war. Deswegen gibt es Parallelen. Seit sich Hip Hop
etabliert hat, greift die Jugend eben auf diese Sprache zurück.
B: Das sehe ich wie du. Wie stark sich das noch
entwickeln wird, weiss niemand. Ob jemals eine Ablösung stattfinden
wird oder nicht, ist schwierig zu sagen. Momentan dominiert immer noch
der Mundart-Rock mit Künstlern wie Gölä. Ich weiss nicht, ob der
Mundart-Rap jemals den Status des Mundart-Rocks erreichen wird, auch
wenn ein Generationswechsel stattgefunden hat. Um ehrlich zu sein, bin
ich schon von den jetzigen Veränderungen überrascht. Der Erfolg der
Single und die Aufmerksamkeit, welche die Leute meinem Album schenken.
SMN: Auf was bezieht sich der Titel
deines Albums «Normal»?
B: Die meisten Leute haben ihre eigene Definition
davon, was normal ist. Was für den einen normal ist, kann für den
anderen krankhaft sein. Ich habe auch meine eigene Definition von
Normal. Auf meinem Album hat es einen Song, in dem ich mit meinem besten
Stück ein Streitgespräch führe. Dieses Thema kennt jeder Mann. In
einem anderen Song nehme ich Kontakt mit einer höheren Instanz auf. Ich
habe Liebeslieder drauf, aber auch Gegenteiliges. All das ist für mich
normal. Mein Album widerspiegelt meine Definition von Normal.
SMN: Wie bist du auf die Idee
gekommen, in «Firlefanz» ein Streitgespräch mit deinem besten Stück
zu führen?
B: Dass die Männer mit dem Schwanz denken, ist
ja allgemein bekannt (lacht). Ich wollte das auf eine ironische und
humorvolle Art auf den Punkt bringen. Es liegt ja nicht nur am Mann. Am
Schluss der Geschichte, als ich mich wieder beruhigt habe, findet die
Frau, dass wir jetzt doch zu ihr gehen sollen. Ich wollte ein
Gesellschaftsproblem zwischen Mann und Frau auf neutrale Art
rüberbringen.
SMN: Zwischendurch dringt auch bei dir
die überhebliche Art durch, die man von US-Rappern her kennt. Muss das
sein?
B: Das gehört einfach zur Rapmusik. In der
Hip-Hop-Kultur geht es einfach darum, aus Nichts Alles zu machen. Im
Graffiti-Bereich, beispielsweise, geht es den Leuten darum, ihren Namen
möglichst gross auf eine Wand oder einen Zug zu bringen. Ein
Breakdancer versucht immer, die härtesten Tricks zu machen. Und bei den
MCs (Master of Ceremonies oder Musical Compere) bist du ein Entertainer,
wie ich es im gleichnamigen Song besinge. Vieles wird halt übertrieben
und ist Selbstverherrlichung. Ich wollte aber nicht ein ganzes Album so
machen. Nur ein oder zwei Songs gehen in diese Richtung. Ich habe so
übertrieben, dass man merkt, dass auch Ironie im Spiel ist.
SMN: Wann hast du das erste Mal
gerappt?
B: Das war mit sechzehn. Damals habe ich mit ein
paar Freunden angefangen, aus blossem Jux auf Schweizerdeutsch zu
rappen. Das klang aber alles noch ziemlich holprig. Wir haben uns keine
grossen Gedanken darüber gemacht. 1995 ging ich zu einem Kollegen ins
Studio, um etwas aufzunehmen - allerdings nur Freestyle-mässig (Man
rappt, was einem spontan in den Sinn kommt). Die Aufnahmen erschienen
auf einem Sampler namens «Zürisläng Freistiil». Ich dachte. Das
kauft sicher kein Schwein. Rap auf Schweizerdeutsch interessiert
niemanden. Innerhalb kürzester Zeit waren aber alle 500 gepressten
Platten verkauft. Da habe ich gemerkt, dass so was den Leuten gefällt.
Wieso also nicht mal einen ganzen Song schreiben. So hat sich das
langsam etabliert. 1997 / 98 haben wir einen weiteren Sampler
produziert. Damals habe ich mich auch mit Lexx, meinem ehemaligen
Partner zusammengetan.
Interview: Robert Pally