Auf seiner neuen CD «Frisch» singt Michael von der
Heide mit Nina Hagen und lässt die Gitarren schon mal etwas rocken. SMN
unterhielt sich mit dem Sänger über die Entstehungsgeschichte des
Albums, NDW und andere Trends.
Swiss Music News: Welches waren die Beweggründe, dich für
«Frisch» musikalisch etwas neu auszurichten?
Michael von der Heide: Tja! Findest du das neu? (Michael fängt
an zu lachen, weil draussen ein Typ auf einem Velo vorbeifährt, der nur
einen String anhat). In Zürich sieht man manchmal bizarre Typen. Ich
sehe ab und zu einen, der ähnlich spärlich bekleidet mit seinen
Inlineskates durch die Gegend fährt. Aber zurück zur Frage: Findest du
wirklich, dass «Frisch» anders klingt?
SMN: Sicher. Es ist viel rockiger als deine alten Alben und
enthält auch eine Menge Elemente der Neuen Deutschen Welle (NDW).
Michael von der Heide: Ich hätte eigentlich gerne schon mein «Tourist»-Album
(2000) rockiger gemacht. Ist dann im Studio aber anders rausgekommen.
Live klingen meine Songs immer rockiger. Wir haben zwei Gitarristen auf
der Bühne. Deswegen entspricht «Frisch» mehr meinem Live-Sound.
SMN: Und woher kommen die NDW-Elemente? Mehr Gitarren sind
momentan ja angesagt. Siehe Strokes, White Stripes und Konsorten. Ist
NDW nicht passé?
Michael von der Heide: Kannst du denken. Das wird schon noch
kommen. Wart noch ein halbes Jahr.
SMN: Gut, du hast Recht. Irgendwann gibt es von allem ein Revival.
Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die langweiligen Achtziger
jemals zurückkommen würden!?!
Michael von der Heide: Waren die für dich langweilig? Für mich
war das meine Jugend.
SMN: Nicht alles, aber ein grosser Teil schon. Es gab auch gute
NDW-Sachen wie Nichts, Ideal oder der Plan. Auch Sachen wir Fräulein
Menke mit ihrem Lied «Hohe Berge» haben mir gefallen.
Michael von der Heide: Ich weiss nicht, ob man dem NDW sagen
kann. Sicher habe ich auf «Frisch» mit der Annette Humpe (ehemals
Ideal) und ihrer Schwester Inga (ehemals Neonbabies) gearbeitet. Aber
das entstand eher unbewusst. Was mich interessiert, auch an der NDW, ist
die Reduziertheit der Texte. Und auch das Leichte, Unbeschwerte. NDW
hatte oftmals schöne Melodien.
SMN: Das stimmt. NDW war oftmals simpel und gelegentlich nahe an
der Peinlichkeit. Beispielsweise Hubert Kah und auch Fräulein Menke,
aber die Melodien waren toll.
Michael von der Heide: Es ging auch darum, dass jeder Musik
machen kann. Erinnere dich bloss an Trio mit ihrem Billigkeyboard von
Casio. NDW hatte etwas Leichtes, das die Leute nicht gleich in den Fluss
springen liess.
SMN: Man hat dir schon vorgeworfen, dass du dich immer ein wenig
an Trends anpassen würdest.
Michael von der Heide: Wenn das wirklich stimmen würde, hätte
ich jetzt eine Danceplatte machen müssen.
SMN: Nicht unbedingt. Rock ist jetzt ja auch wieder angesagt.
Michael von der Heide: Ich mache einfach in dem Moment das, was
mich interessiert. Als letztes hatte ich diese Knef-CD («Hildegard» -
Lieder von und für Hildegard Knef) gemacht. Jetzt interessiert mich
etwas anderes. Die Knef hat über 300 Songs verfasst. Da hätte ich noch
ein paar Alben rausbringen können. Jetzt, da sie gestorben ist, hätte
ich ein Tributealbum veröffentlichen können. Wollte ich aber nicht.
SMN: Du willst dich also immer weiter entwickeln?
Michael von der Heide: Ja. Ich muss niemanden ausser mir gerecht
werden. Ich habe keine Rolle, die ich mein ganzes Leben spielen muss. So
einen Plan habe ich nicht. Ich habe «Frisch» mit meinem Gitarristen
Adrian Stern (Kisha, Betty Legler, Hendrix Cousins) gemacht, mit dem ich
seit zwei Jahren arbeite. Es ist klar, wenn jemand 26-Jährig ist wie
Adrian, dann interessiert ihn andere Musik als einen 40-Jährigen. Ich
hab die CD zusammen mit ihm produziert.
SMN: Wie entstand das Duett mit Nina Hagen beim Song
«Kriminaltango»
Michael von der Heide: Das war seit langem ein Traum von mir. Ich
hoffte immer, dass das irgendwann mal klappen würde. Im diesem
Frühling habe ich sie dann einfach mal angerufen. Nina hat spontan
zugesagt.
SMN: Wie war es mit ihr zu arbeiten? Im Gespräch wirkt sie immer
etwas abgehoben, entrückt von dieser Welt.
Michael von der Heide: Apropos abgehoben: Da draussen laufen so
viele abgehobene Menschen rum. Wenn man in so einer Stadt wie zurück
wohnt, ist mir so eine Person überhaupt nicht fremd.
SMN: Vielleicht ist das auch bloss Nina Hagens Image? Am
Fernsehen sagt sie oftmals kryptische Sachen. Wegen Ausserirdischen oder
so. Ich kenn sie ja nicht persönlich. Dieses Bild bekommt man einfach
vermittelt.
Michael von der Heide: Sie ist eine Künstlerin, eine Artistin.
Ich kann dazu auch nicht viel sagen, weil ich mit ihr nicht befreundet
bin. Ich kann bloss etwas zur Arbeit mit ihr sagen: Das war hoch
professionell. Sie kam ins Studio und fing an zu singen, dass uns allen
der Kiefer runterhing. Sie war sehr nett und unproblematisch. Ich weiss
nicht, ob jemand wie Kylie Minogue nicht abgehobener ist. Sie entblösst
sich ja immer mehr. Sie ist momentan salonfähig, aber wenn du es genau
überlegst auch komisch. Da sind mir Leute, die von Ausserirdischen
erzählen, sympathischer.
SMN: Als was sieht du dich eigentlich: Chansonier,
Schlagersänger, Entertainer oder Popsänger?
Michael von der Heide: Ich würde sagen, dass ich einfach ein
Sänger bin - ein Popsänger. Ein Schlägersänger sicher nicht. Dann
hätte ich ein anderes Bankkonto, würde andere Lieder singen und in
anderen Sendungen auftreten. Chansonier stimmt auch nicht ganz, aber
schon eher. Ein richtiger Chansonier ist für mich ein Reinhard Mey.
SMN: Du entlehnst viel von anderen Künstlern und Bands. Nach
welchen Kriterien wählst du die Songs aus?
Michael von der Heide: Ich wollte eigentlich immer eher
unbekannte Songs nachspielen. Das stimmt jetzt aber nicht mehr.
«Kriminaltango» von Hazy Osterwald ist ja sehr bekannt (lacht). Wenn
man ein Lied nachspielt, muss man ihm etwas Neues geben, nicht unbedingt
etwas Aktuelles. Es gibt Songs, die würde ich nie covern, weil sie
einfach perfekt sind. Solchen Songs kannst du nichts mehr hinzufügen.
Als ich mit Kuno Lauener «Where the wild roses grow» von Nick Cave und
Kylie Minogue aufnahm, machten wir das wegen der Geschichte des Liedes.
Das hat eine andere Ebene. Beim «Kriminaltango» haben wir es auch
anders gemacht.
SMN: Ehrlich, eure Version von «Where the wild roses grow» fand
ich etwas peinlich.
Michael von der Heide: Das darfst du auch. Was gefiel der denn
nicht?
SMN: Im Vergleich zum Original fand ich eure Version zu seicht.
Auch die Idee, dass du den weiblichen Part übernimmst, hat mir nicht so
gefallen.
Michael von der Heide: Vor ein paar Jahren hätte mich so etwas
noch getroffen, jetzt kann ich das akzeptieren. Der Songs wurde sogar
von DRS 3 ausgezeichnet. Das ist eben Geschmackssache. Sogar Nick Cave
hat unsere Version gefallen.
SMN: Du schreibst viele Songs mit anderen zusammen. Hattest du
noch nie den Wunsch, ein Album alleine zu schreiben?
Michael von der Heide: Ich würde depressiv werden, wenn ich zwei
oder vier Monate Zuhause hocken würde, um Songs zu schreiben.
SMN: Also brauchst du Leute, die dich inspirieren?
Michael von der Heide: Ja, auf jeden Fall. Mir gefällt es
beispielsweise, die Inga Humpe anzurufen, um mit ihr über eine Idee zu
diskutieren. Ich brauche diesen Austausch. Ich muss mir auch nicht
beweisen, dass ich alles alleine kann. Am Schluss will ich einfach einen
tollen Song, nach meinem Geschmack (lacht).
SMN: Also hast du das letzte Wort bei den Songs?
Michael von der Heide: Ja, immer!
SMN: Lebst du eigentlich noch in Paris?
Michael von der Heide: Nein, schon eine Zeitlang nicht mehr. Die
Texte für «Frisch» sind aber zu einem grossen Teil noch dort
entstanden.
SMN: In welcher Weise hat sich Paris beeinflusst?
Michael von der Heide: Ich hatte einfach viel Zeit dort, die ich
hier in Zürich nicht habe. Wenn mich hier jemand anruft und sagt: Gehen
wir etwas trinken. Sag ich nicht nein, auch wenn ich gerade an einem
Lied schreibe. In Paris habe ich viele Bücher gelesen oder Leute
getroffen. Aber so richtig beeinflusst hat mich die Stadt nicht. Ich
kannte sie ja schon vorher.
SMN: Wie entstand der Song «die Liebenden» mit Inga Humpe?
Bezieht der sich auf den Film «Die Liebenden von Pont Neuf»?
Michael von der Heide: Ich bin nicht sicher. Ich hab die Inga
gefragt und sie hat gesagt, nicht unbedingt.
SMN: Diese Lied hat eine speziell atmosphärische Art. Wie
entstand das?
Michael von der Heide: Annette, ihre Schwester hat mir gesagt,
dass die Inga eine CD mit deutscher Popmusik macht wie sie sein soll.
Ich wollte lernen. Wir haben uns dann in Paris getroffen. Schlussendlich
hab ich den fertigen Song bekommen. Zuerst wollte Inga mir den Song aber
nicht geben, weil sie ihn so toll fand. Doch konnte ich sie aber mit
meiner gesanglich Interpretation überzeugen.
SMN: Wie wirst du «Frisch» live umsetzten?
Michael von der Heide: Manche Leute fragen, ob ich mit Band
auftrete. Natürlich trete ich mit Band auf (energisch). Wir werden die
meisten neuen Songs spielen & «The best of the rest». Natürlich
werde ich zwischendurch auch reden. Es wird auch einen Variete- und
Kabarett-Teil geben. Wie der aussehen wird, kann ich aber noch nicht
konkret sagen. Nur soviel: Wir werden etwas vom Kabarett Cornichon
(Elsie Attenhofer) bringen. Es soll einfach ein schönen Abend werden.
SMN: Was macht dich an deiner neuen CD frisch?
Michael von der Heide: Ich habe Freude daran, vor allem weil sie
frisch gepresst ist (lacht). Das klingt jetzt etwas poetisch, aber ich
versuche im Leben ein frisches Herz zu behalten. Trotz allem, nicht «abgefuckt»
zu werden. Auch wenn dir Leute sagen, dass ihnen gewisse Sachen nicht
gefallen. Ich versuche solche Aussagen zu relativieren und nicht
verbittert zu werden. Die Grundstimmung der CD ist optimistisch,
beschönigt aber nichts.
Interview: Robert Pally
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