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Interview mit Liz Libido

Mit ihrem zweiten Album «Freakreation» ist die Winterthurer Band Liz Libido so richtig zufrieden.  Robert Pally (SMN) sprach mit den Bandmitgliedern Freddy Scherer und William White. Dabei ging’s auch um den Streitpunkt «Radiotauglichkeit».

Swiss Music News: Euer Debüt wurde als eines der hoffungsvollsten CH-Rockalben von 2001 bezeichnet. Hat euch das unter Druck gesetzt?

Freddy Scherer: Überhaupt nicht. Es war auch nicht so, dass wir unserem Debüt 2 Millionen verkauft haben. Sondern 2000 bis 3000 Kopien. Das sind keine Zahlen, die dich unter Druck setzten könnten. Von daher hatten wir bloss einen internen Druck, dass wir einfach ein geile Platte machen wollten. Und wir hatten genügend Zeit dafür. Vor allem, weil wir unsere erste Platte zweimal aufgenommen hatten. Es war auch nicht so, dass wir von einer Welttournee zurück gekommen wären und man uns gleich ins Studio geschickt hat, um zu schreiben. Wir hatten Zeit.

SMN: Ihr spielt guten Rock mit Souleinflüssen. Manchmal höre ich etwas Roachford heraus.

William White: Hast du unsere neue Platte schon gehört?

SMN: Ja. Sie ist sicher anders als die erste.

WW: Man sollte die Bezeichnungen den Interpreten überlassen.

SMN: Um die Chancen für einen Radioeinsatz zu verbessern, versuchen viele Bands, ihre Songs radiotauglich zu machen und dünn zu produzieren. Seht ihr das auch so?

FS: Das kommt sicher auf den Stil an. Es gibt auch in der Schweiz Musik mit überlauten Gitarren. Das ist aber nicht unbedingt unsere Richtung. Am Geld fehlt es den Schweizer Produzenten sicherlich nicht. Und gutes Equipment ist auch erhältlich. Ich glaube einfach, dass die Schweizer Produzenten eher vorsichtig sind. Schliesslich wollen sie verkaufen.

SMN: War das bei euch auch so?

FS: Nein. Wir kennen unseren Produzenten Thomas Kemper schon seit bald 20 Jahren. Als wir unsere neue CD aufnahmen, haben wir überhaupt nicht aufs Radioformat geschaut, bloss drauf, wie wir unseren Sound rausbringen. Bevor du ins Studio gehst, hast du vielleicht einen Song, den du als Radiosingle siehst. Wenn du alle eingespielt hast, kann das wieder ganz anders aussehen. Vielleicht hat sicher besagter Song in eine andere Richtung entwickelt und ist jetzt plötzlich keine Single mehr. Erst nach den Aufnahmen sahen wir, welcher Song die Single sein könnte.

Bei der ersten Single «Allright now» lief es aber anders. Als wir die Aufnahmen beendet hatten, klang er noch ganz anders. Am Ort, wo wir aufgenommen hatten, sind vier Studios nebeneinander. Ein Typ vom Studio neben unseren hat den Song gehört und gefragt, ob er ihn nicht haben könnte, um etwas zu probieren. Er verschwand damit eine Nacht lang in seinem Studio und hatte zusätzliche Drums und Streicher drauf gespielt. «Allright now» ist der computerisierteste Song auf «Freakcreation». Wir haben uns das dann angehört und fanden es toll.

SMN: Ich persönliche finde «Allright now» den schwächsten Song und absolut nicht repräsentativ für den Rest des Albums.

FS: Er ist sicher nicht repräsentativ für den Rest, das stimmt. Aber das andere ist Geschmackssache. Als Song fürs Radio ist er aber sicher geeignet.

SMN: Mein Favorit wäre «After this bong» gewesen.

FS: Den kannst du im Schweizer Radio aber nicht bringen. Wir mochten «After this bong» so wie er war.

SMN: Denkt ihr auch auf den zwei Ebenen: «Welcher Song gefällt der Band am besten - und welcher wäre am geeignetsten fürs Radio»?

FS: Schweizer Bands und Produzenten denken alle zu vorsichtig. Andere würden einen Song wie «After this bong»gar nicht erst auf ihre Platte nehmen. Wir hingegen haben alles aufgenommen, was uns gefällt. Und erst am Schluss geprüft, ob es einen Radiosong draufhat.

SMN: Habt ihr euch mit der Single «Allright now» nicht ebenso den Radiobedürfnissen angepasst?

FS: Ich finde nicht, dass wir extrem Anpassungen gemacht haben.

WW: Wir haben das, was wir an unserem Sound verbessern konnten, sicher gemacht...

SMN: ... was ja wohl legitim ist...

WW: ... «Freakcreation» widerspiegelt uns als Band viel mehr als unser Debüt. Bei der ersten Platte sind wir vorsichtiger vorgegangen. Wir hatten mehr Respekt. Die Plattenfirmen hatten uns gesagt, dass die Songs gut seien, aber die Aufnahme nicht. MV hat uns dann gebeten, die Platte noch mal einzuspielen. Deswegen hatten wir Angst. Unser Debüt zeigte weniger, wer wir sind. «Freakcreation» ist einheitlicher. Wir haben uns hingesetzt und die Platte von A bis Z gemacht. Die erste war mehr eine Compilation von Liedern, die wir über die Jahre geschrieben hatten. Plus zweimal aufnehmen, ändern.

SMN: Wie viele Songs hattet ihr für das neue Album?

FS: Etwa 20 Stück, obwohl wir eigentlich mehr gehabt hätten. Wir haben aber vorher aussortiert.

SMN: Du schreibst die Texte, William. Wie entstehen sie? Sammelst du Textfetzen und setzt sie nachher zusammen - oder ist es Erlebtes, das du niederschreibst?

WW: Eher letzteres. Doch sammle ich auch dauernde Fragmente. Manchmal kann ich sie weiter verwenden, manchmal nicht. Das Textschreiben kann ich aber nicht erklären. Ich mache es einfach schon lange - und sehr gerne. Und bin stolz auf sehr viele von meinen Texten. Natürlich gibt es auch Texte, auf die ich nicht mehr so stolz bin. Daran kann man sich aber nie festhalten, weil man nie weiss, was der Hörer dabei denkt. Ich versuche meinen Texten eine Bedeutung zu geben, was am Ende aber ankommt, auf das habe ich keinen Einfluss. Sicher gibt es gewisse Tricks beim Texten, aber vieles muss man lernen. Ich versuche Klischees zu vermeiden. Das ist die Kunst. Der Trick ist Glaubwürdigkeit.

SMN: Hat der Song «Lenny» etwas mit Lenny Kravitz zu tun? Manches erinnert auch ein wenig an seine Musik.

WW: (windet sich). Das war die Phase EMI. Ich mag den Vergleich nicht so sehr. Wenn jemand Lenny in mir sieht, ist das sein Problem, nicht meines. So sage ich immer: Es tut mir leid, dass ich nicht Lenny bin. Es tut mir leid, dass ich nicht dein «Favorite Star» bin. Es tut mir leid, wenn du meine Songs nicht kaufst. «Lenny» geht zurück auf ein Angebot von EMI. Sie wollten uns für die Songs von jemand anderem. Sie sprachen über Marketing und wie viel sie davon verstehen würden. Bla, bla, bla. Sie sagten, dass dies und jenes nicht funktionieren würde. Aber was funktionieren würde, wussten sie nicht. Sie sagten auch, dass sie viel Verständnis für den Künstler hätten...

SMN: Wie kamt ihr auf den Titel?

WW: «Freakcreation» ist eine Kombination zwischen Freak und Kreation. Aber Recreation (wiedermachen) habe ich mir auch schon überlegt. All diese Sachen sind auch in unserer Musik. Wobei der Titel sicher offen zur freien Interpretation ist. Meine Texte haben auch die gleiche Funktion.

SMN: Wie entstanden die Songs?

FS: William schreibt viele Songs selber. Im Übungsraum entstehen viele Songs aus Riffs oder durch das herumspielen. Es gibt viele Arten, wie unsere Songs entstehen. Manchmal machen wir auch aus vergessen Songs etwas. «After this bong» war beispielsweise ein Song, den wir vergessen hatten und eines Tages zufälligerweise aus einem Tape fanden. Es gibt kein Rezept.

WW: In dieser Hinsicht sind wir sehr kreativ. Wir schreiben sehr viele Lieder. Als Band haben wir fast von der ersten Probe an Lieder geschrieben. Wir haben auch nie Covers gespielt, bloss eigene Songs.

SMN: Wie habt ihr zueinander gefunden?

FS: Vor circa fünf Jahren ging ich mit einem Kollegen nach Flims in die Ferien. An Silvester gingen wir von Bar zu Bar. In einer spielte William mit einer Coverband. Er beeindruckte mich sehr und kam mir auch irgendwie bekannt vor. Nach dem Konzert sprach er mich an. Weil er nur englisch sprach, dachte ich zuerst, dass ich ihn wahrscheinlich von New York oder sonst woher kennen würde. Er sprach mich dann aber auf Deutsch an und es stellte sich heraus, dass er auch in Winterthur wohnte. Und, dass wir uns auch schon getroffen und geredet hatten. Danach trafen wir uns in Winti immer wieder. Eines Tages begab es sich, dass Will und ich gerade unsere damaligen Bands auflösten. Deswegen beschlossen wir, mal zusammen in den Proberaum zu gehen. Es machte Klick von Anfang an. Nach sechs Proben hatten wir bereits sechs Songs geschrieben. Von Anfang an, war eine unglaublich Energie da.

Interview Robert Pally

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